"Hungry Duck" - Symbol der sexuellen Revolution in Russland

Moskau. Am Anfang der Perestroika, als die alten Muster und Festungen des Kalten Krieges anfingen zu zerbrockeln, fiel wahrend einer Fernsehebrucke zwischen der UdSSR und den USA von sowjetischer Seite der folgende Satz: "Bei uns gibt es keinen Sex!" Das sagte mit Stolz eine einfache Frau, die aufrichtig meinte, dass Sex eine Erfindung des amerikanischen Geheimdienstes sei.

2001. Das Zentrum Moskaus. Lubjanka-Strasse. Wer schon einmal in Moskau war, weiss, dass diese Strasse zum Lubjanskaja-Platz fuhrt, wo sich das KGB-Hauptquartier befindet. An dieser Lubjanka-Strasse, nicht weit von der U-Station "Kusnezkij Most", finde ich den Nachtclub, von dem mir meine Moskauer Bekannten so viel erzahlt haben. Der Inhalt war folgender: Die von der Buroarbeit ermudeten Moskauer Madchen und Businesswomen eilen am Wochenende in den "Hungry Duck", um sich ohne Zeitverschwendung furs Ritual der Bekanntschaft und der Hofmachung nach Geschmack einen Mann zu wahlen und mit ihm den Abend und die Nacht zu verbringen. Die Initiative geht dabei immer von der Frau aus.

Sie stimmen mir zu, dass so etwas in der Schweiz unmöglich ist. Die relative Schwierigkeit den Kontaktaufnahme zwischen Mann und Frau, insbesondere bei intimen Beziehungen, ist einer der eigentümlichen Zuge des gegenwärtigen demokratischen Europas. Jetzt kann man hier eher von einer Rückbesinnung auf die traditionellen Familiänwerte und den gesunden Konservatismus sprechen. Doch in Russland heute alles umgekehrt. Und was den Sex anbetrifft, so gibt es 20 Jahren nach dem Anfang der Perestrojka bestimmt etwas davon.

Der Eintritt in den "Hungry Duck" kostet etwa 10 Franken. Die Madchen kommen kostenlos rein. Innen sieht der Club ziemlich gewohnlich aus: zwei dunkle Hallen mit ultravioletter Beleuchtung und zwei Bars. Die Kabine des DJ ist durch eine Eisenkonstruktion speziell geschutzt. Die Oberflache aller Tische hat schlaglochartige Vertiefungen von Absatzen. Hier scheint man uberall zu tanzen. 22 Uhr. Der Club ist noch ziemlich leer. "Zu fruh", erklart mir der Barmann. Und ausserdem ist heute Sonntag. Da ist meistens Flaute. Die beste Zeit ist Freitag. "Am Freitag ist hier fur keine Stecknadel mehr Platz", sagt der Barkeeper. "Jetzt sitzen nur die Prostituierten im Saal. Aber wir werfen sie nicht raus. Sie arbeiten nicht bei uns, sie erholen sich bloss."

Ich bestelle einen typisch russischen Cocktail namens "Schraubenzieher". Das Rezept ist sehr einfach: 50 g Wodka, 150 g Orangensaft plus Eis. Das ist das billigste Getrank, das man hier bestellen kann (8 Franken). Um 23.30 Uhr beginnt sich der Club zu fullen. Ich sitze an einem Tisch in der Ecke, bescheiden und unauffallig. Dennoch kommen bald zwei ganz anstandige Madchen auf mich zu und beginnen mich mit Interesse zu betrachten. Dann klettern sie auf den Nachbartisch und tanzen darauf zusammen einige erotische Improvisationen. Im Ultraviolett blitzen ihre Zahne. Auf der Bartheke versucht eine 40-jahrige Frau eine Stripteasetanzerin nachzuahmen. Weil sie angetrunken ist, wird ihr schwindlig. Als sie ihren Rock hochzieht, verliert sie das Gleichgewicht. Der Sturz endet glimpflich. Sie beginnt wieder. Ihre Bekannten klatschen und schreien: "Natascha, los!" Es sieht schrecklich aus.

"Dort sitzen die Lesben", sagt neben mir ein ganz junges Ding (etwa 18), "und da tanzen Schwule. Heute ist ihr Tag." Ich erfahre, dass das Madchen Anja heisst und sich mit ihrer Freundin gezankt hat. Jetzt hat sie sich entschlossen, einen Mann zu suchen. Ich beeile mich, sie zu enttauschen, und sage, dass ich bloss ein Journalist sei. Ich zeige ihr meinen Ausweis. Anja wird vertraulich und erzahlt mir die Geschichte des Clubs. "Hungry Duck" existiert schon funf Jahre. Grunder und erster Besitzer war ein Amerikaner (aha, also doch!), aber er wurde von der Moskauer Mafia erschossen. Genauso erging es den drei nachfolgenden Direktoren. Ein Nachtclub im Zentrum Moskaus ist eine riskante Sache. Ein Killer kostet nur 2000 Dollar.

"Tanzen Sie mit mir Samba?", fragt mich Anja. Ich lehne ab. In diesem Moment beginnt in der Mitte der Halle eine Schlagerei zwischen den Lesben: Zwei sehr schone Madchen bemuhen sich wegen einer Dritten, die daneben steht, einander das Gesicht zu zerkratzen. Zwei junge Manner kussen sich. Die Musik drohnt. Der Club wird immer voller, die neu hereinkommenden Frauen wahlen sich ihre Kavaliere. Sie verschwenden ihre Zeit nicht mit leerem Geschwatz. Getanzt wird uberall: in den Gangen, auf den Tischen, auf den Bartheken. Einige beginnen schon, sich die Blusen auszuziehen. Die Manner klatschen.

"Um eins ist Männer-Striptease, bleiben Sie?" - fragt mich Anja. Nein, mir reicht's. Erstens hat sich schon irgendeiner in Perücke und Ballettrock schlechtrasiertem Schnurrbart zu mir gesetzt. Ich bin keiner Ballettfan. Zweitens ist's mir von Larm und Zigarettenrauch ganz schwindlich. Also, und drittens, fährt die U-bahn in Moskau nur bis ein Uhr in der Nacht. Die nächtliche Spaziergänge durch Moskau ist ein Thema für eine besondere Reportage.

© Schaffhauser Nachrichten, vom 29. Juni 2001

 




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